Der Herr aus Arabien

Zu mir kommt ein sehr gut aussehender Mann, Ende dreißig, arabischer Herkunft. Er spricht sehr gut deutsch und schildert mir, wie er sich im Moment beruflich unterfordert fühlt. Außerdem hat er Einschlafstörungen und wacht morgens oft zerknittert auf. Sein Blutdruck ist auch zu hoch. Ich frage ihn, wie sein Weg nach Deutschland war und er erzählt mir die folgende Geschichte:

Als Sechsjähriger wurde er als fünftes Kinde eines arabischen Bauern eingeschult. Er war ein wenig schüchtern und sagte in der Schule erst einmal nichts. Am zweiten Tag sagte die alte Lehrerin zu ihm: „Ich sehe schon, du bist der dümmste von euch fünf Brüdern. Setz dich nach hinten in die letzte Reihe.“ Da saß er dann ein ganzes Schuljahr und tat seinen Mund nicht mehr auf.

Im nächsten Schuljahr kam eine neue junge Lehrerin an die Schule. Die alte schob ihn ab zu ihr. Die junge Lehrerin erkannte sofort, dass er schon alles wusste, was es in der ersten Klasse zu lernen gab. Sie beauftragte ihn damit, Wasser am Brunnen für die Schüler zu holen oder ein neues Stück Kreide aus dem Lehrerzimmer. Am Ende des sechsten Schuljahres ging die junge Lehrerin zu seinem Vater und sprach: „Dieser jüngste deiner Söhne ist ausgesprochen klug. Du hast schon vier Söhne zum Ziegen hüten. Für deinen Jüngsten habe ich ein Stipendium für die höhere Schule in der nahen Bezirkshauptstadt. Lass ihn was lernen, er hat das Zeug dazu.“ Der Vater überlegte nicht lange. Vier Jungen waren wirklich genug zum Hüten der Tiere. Wie sollten sie später mal alle davon leben können? Er war mit dem Schulwechsel einverstanden.

Als er im letzten Jahr der höheren Schule war, rief der Direktor ihn zu sich und eröffnete ihm, dass er einen Studienplatz für ihn in Alexandria in Ägypten habe. Dort gibt es eine amerikanische Universität, die ihm ein Stipendium anbietet. Den Studiengang könne er sich aussuchen. Noch bevor er mit dem Studium fertig war, erreichte ihn ein Brief der amerikanischen Botschaft. Man lud ihn offiziell ein, seine Studien in Amerika zu beenden und legte ihm eine GreenCard bei. Nach Beendigung seines Studiums in Amerika schrieb er noch an seiner Doktorarbeit und hing ein zweites Studium parallel dazu dran. Außerdem erlernte er in seiner Studienzeit neben Englisch vier weitere Sprachen, darunter auch Deutsch. Als er Anfang dreißig war, hatte er zwei Doktortitel und sprach sechs Sprachen. Die Zeit an der Universität neigte sich dem Ende zu und er ging zum ersten Mal zu einer Messe, bei der Studienabgänger auf Vertreter der Großindustrie trafen. Als er die Messe verließ, hatte er über zwanzig Visitenkarten in seiner Hemdtasche, alle von Managern, die daran interessiert waren, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Letztlich entschied er sich für ein international aufgestelltes Unternehmen. Die schickten ihn erst einmal für mehrere Monate in verschiedene Abteilungen. Anschließend übernahm er die Leitung von Abteilungen, dann von einer kleineren Dependance. Schließlich boten sie ihm die Vertretung der Firma in Europa an und er siedelte um. In dieser Position hat er gut 100 Leute unter sich. Er schreibt monatlich einen Bericht für den Vorstand und hat ansonsten nicht viel zu tun.

Ich fragte ihn, ob er eine Vorstellung davon habe, wie seine Geschichte weiter gehen würde. Er hatte keine Ahnung. Also malte ich sie ihm aus. Nach ein paar Jahren in Europa wird er alt genug sein, um in den Vorstand des Unternehmens zu wechseln. Er ist eine Führungspersönlichkeit geworden, weil er mehrere Sprachen spricht und weil er in seinen vielfältigen Abschlüssen gezeigt hat, dass er breit aufgestellt ist. Er kann mit einem Metallbauer ebenso reden wie mit einem Kaufmann oder einem Chemiker, weil er ein Generalist ist. Solche Leute sind selten und diese Firma hat sein Potential erkannt. Sie bilden ihn weiter und geben ihm Schritt für Schritt Aufgaben, an denen er in seine Rolle hineinwachsen kann. Ich empfahl ihm Tennis oder Golf spielen zu lernen. In seiner Tasche sollte er ein Handy haben, dessen Nummer nur seine Sekretärin kennt. Sie ruft ihn dann an, wenn er zum Unterschreiben mal im Büro vorbei schauen sollte.

Er lachte über diese Vorstellung. Bisher hat er immer sehr viel gelernt und gearbeitet. Jetzt nur Verantwortung zu tragen war ihm noch fremd. Er erkannte aber, dass er sich darum so unausgelastet fühlte. Für ihn war es einfach zu wenig, was er jetzt tat. Was aber würde passieren, wenn er sich einen anderen Job sucht, bei dem er wieder viele Stunden am Tag gefordert wäre? Vermutlich wird sein Blutdruck dann weiter oben bleiben und er mit Mitte Vierzig seinen ersten Herzinfarkt erleiden. Er fragte mich, wie ich ihm helfen könnte.

Ich antwortete ihm, er könne sich selber helfen. Ich fragte ihn, ob er manchmal noch zurück in sein Heimatland reise. Er sei alle zwei Monate für ein paar Tage dort. Ich trug ihm folgendes auf: Bei seinem nächsten Besuch solle er die Honoratioren des Ortes ins Café einladen und sie mit folgender Idee konfrontieren. Er beabsichtige eine goldene Ehrentafel zu Ehren der Lehrerin am Schulgebäude anbringen zu lassen. Auf dieser soll ein ehrenvoller Spruch stehen und sie sollten ihm helfen, einen entsprechenden Spruch zu finden. Zunächst dachte mein Klient, ich meine die junge Lehrerin, die ihn so gefördert hatte. Ich aber korrigierte seinen Irrtum. Die Ehrentafel gebührte der alten Lehrerin, die den Stachel der Leistung in sein Fleisch gesetzt hatte und der bis heute wirkt. 

Ein paar Wochen später rief er mich an. Er habe zum ersten Mal seit vielen Wochen gut durchgeschlafen und sein Blutdruck sei unten. Ich fragte ihn, was passiert sei. Gestern Abend rief ihn sein Vater kurz vom öffentlichen Telefon des Cafés aus an und sagte ihm, die goldene Tafel hinge nun wie gewünscht und das ganze Dorf sei stolz auf ihn.

Wer einen Stachel in seinem Fleisch trägt, sollte auch wissen, wann es genug ist. Wer ständig etwas beweisen oder etwas vermeiden muss, lebt unter einem stetigen Fluch. Das kann sich zunächst noch wie Erfolg anfühlen. Aber irgendwann kippt es und verkehrt sich ins Gegenteil. 

Wie erkennt man solche Situationen? Ein untrügliches Zeichen ist, wenn man etwas wie zwanghaft tut. Es fühlt sich an, als hätte man gar keine andere Wahl. Dies zeigt die Bindung an, unter der jemand steht.

Für Firmen kann dies ein Segen und ein Fluch zugleich sein. Ein Segen ist es, wenn der Mitarbeiter sich noch in der Aufwärtsphase seiner Bindung befindet und sich von Erfolg zu Erfolg getragen fühlt. Kehrt es sich aber um, wird so ein Mitarbeiter zur Belastung. Von ihm kommen keine wegweisenden Ideen mehr und gehen keine guten Veränderungen mehr aus. Er ist in seinem Lebensthema gefangen und ist dem ganz natürlich mehr verpflichtet als der Firma. 

Das ist der Punkt, an dem viele Führungskräfte abrutschen. Das Leben und seine Themen verändern sich. Sinnvoll ist es, dies wahrzunehmen und mit den Veränderungen mitzugehen. Wer stehen bleibt, wird zum Bremsklotz. Stillstand ist etwas, was sich keine Firma leisten kann. Das Wirtschaftsleben ist dynamisch und braucht Führungspersönlichkeiten, die dynamisch mitgehen können.