Coaching beschäftigt sich ganz allgemein damit, berufliche Ziele zu definieren und zu erreichen. Die Grundlage dazu sind zwei zentrale Frage: Wie bin ich? Was kann ich? Davon wird ausgegangen, ohne dies im Allgemeinen weiter zu hinterfragen.
Nehmen wir ein Beispiel. Bitte stellen Sie sich eine 30-jährige Frau vor, die als Buchhalterin bei einer größeren kaufmännischen Firma arbeitet. Sie ist vom Wesen her zurückhaltend, eher scheu, nicht sehr kommunikativ, vermeidet Konflikte und lächelt viel. Sie kann gut mit Zahlen umgehen, hat ein Gespür für die Schlüssigkeit von Berechnungen, denkt absolut logisch und liebt Genauigkeit. Von den „Wies“ und „Was’ ihrer Persönlichkeit ist sie die ideale Besetzung für die Position in der Buchhaltung. Aber mit 40 zeigen sich die ersten Anzeichen eines Burn-Outs und schleichende Krankheitsverläufe nehmen ihren Lauf. Mit 50 wird sie aus dem Berufsleben als nicht mehr arbeitsfähig aussortiert. Was ist passiert?
Nichts weiter. Sie ist nur ihrer bisherigen Linie konsequent gefolgt. Genau da liegt das Problem.
Verständlich wird der Verlauf, wenn man sich die Vorgeschichte betrachtet. Als kleines Mädchen hat sie entdeckt, dass sie den Konflikt zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater entschärfen kann, wenn sie hilflos da steht und weint. Dann lässt der aggressive Vater von der Mutter ab und kümmert sich liebevoll um seine kleine Prinzessin. Oder die Mutter hört auf, auf dem Vater rumzuhacken und wendet sich ihr zu. Vermutlich ist sie innerhalb ihres Familiensystems in eine starke, machtvolle Position gekommen, indem sie sich klein und hilflos machte.
So eine Position der Stärke gibt man nicht auf, wenn man sie einmal gefunden hat. Man entwickelt seinen Charakter dann in diese Richtung, weil es machtvoll ist und einen davor bewahrte, sich hilflos zu fühlen. Wir halten Ohnmacht gar nicht gut aus und streben alle danach, nicht in hilflose Positionen zu rutschen. Wenn es in ihrem ursprünglichen Familiensystem Sinn machte, klein und schüchtern zu sein, wird sie dies als erfolgreich beibehalten. Daraus folgt ihre Hinwendung zu Zahlen, anstatt zu Menschen. Wenn man etwas häufiger macht, wird man gut darin. Was man gut kann, macht einem Spaß. Konsequenter Weise wird sie eine Buchhalterin. Aber: Sie schreibt damit ihre Kindheitsgeschichte weiter fort. Sie ist nicht wirklich frei. Wenn sie als Ausgleich abends als Frontsängerin in einer Cover-Rockband singt, kann es ein Leben lang gutgehen. Hat sie diesen Ausgleich nicht, wird sie über kurz oder lang ausbrennen.
In unseren Büros sitzen immer mehr ausgebrannte Menschen. Nicht weil die Arbeit sie überfordert. Sondern weil sie heute immer noch auf die aktuellen Fragen des Lebens mit ihrem Trick aus ihrer Kindheit antworten. Da ist der Typ, der sich als jüngster von drei Brüdern durchgesetzt hat, in dem er seine älteren Brüder so lange erfolgreich traktiert hat, bis sie ihn mitspielen ließen oder ihn respektierten. Jetzt ist sein Brustkorb aufgestellt, seine Arme baumeln kampfbereit in seinem weißen Hemd und in seiner Hemdtasche stecken schon die blutdrucksenkenden Medikamente, ohne die er nicht mehr auskommt. Da ist der Typ, der seinen kleineren Geschwistern nur entkommen konnte, indem er Heimlichkeiten pflegte und sie erfolgreich ausgrenzte. Der sich nie etwas anmerken ließ, weil das seine Geschwister nur neugierig gemacht hätte. Der jetzt als Pokerface in der Firma sitzt und in Ruhe gelassen wird, weil niemand einen emotionalen Zugang zu ihm findet. Es gibt viele Beispiele dafür, wie Menschen mit ihren einmal gefundenen erfolgreichen Strategien versuchen, auch im Berufsleben erfolgreich zu sein. Das funktioniert oft erstaunlich gut, hat aber immer klare Grenzen. Je länger jemand solche anachronistischen Lebens-Konzepte verwendet, um so mehr richten sie sich irgendwann gegen ihn. Dann wachsen die Krankheiten im Körper und die Probleme im Betrieb.
Will man dem begegnen, muss schon von vornherein nicht nur auf das „Wie“ und „Was“ eines Mitarbeiters geschaut werden. Das „Warum“ ist ein wesentlicher Schlüssel, der meistens beim Coaching unbeachtet bleibt. Es wird zu sehr auf Ziele, auf Orientierung, auf Effektivität geschaut. Die heimliche Motivation vieler Menschen bleibt oft in dem Prozess des Coachings unbeachtet.
Was wäre, wenn die im oben beschriebene Buchhalterin zu einem Coaching zu mir käme? Natürlich würden wir herausarbeiten, wo ihre Stärken liegen. Aber wir würden ebenso herausarbeiten, dass diese Stärken nur eine Art Reflex auf ihre damalige Familiensituation waren, den sie heute nicht mehr braucht, weil sie nicht mehr in ihrer Ursprungsfamilie lebt. Ich würde sie fragen, wie es denn mit „frech sein“, mit „entdecken“, mit „mutig sein“ in ihrem Leben aussieht und ob sie es als Bereicherung erleben würde, wenn sie solche Eigenschaften in sich ausbilden würde. Ich würde sie nach dem fragen, was sie noch nicht in ihrem Leben verwirklicht hat. Vielleicht sagt sie mir, dass sie gerne Kriminalromane liest und sich für eine gewisse Art von Nervenkitzel interessiert. Ich werde sie fragen, ob sie Spaß daran hätte, bei einer Wirtschaftsdetektei zu arbeiten. Oder bei einer großen Wirschaftsprüfungsgesellschaft, die die Bücher von anderen auf Unstimmigkeiten hin überprüft. Vielleicht ist es möglich, ihre bisherigen guten Kenntnisse mit ihren weitergehenden Interessen zu vereinbaren. Und wenn sie mir sagt, sie traue sich das nicht zu? Dann sage ich ihr, dass niemand, der anfängt ein Instrument zu lernen, sich am Anfang zutraut, auf einer Bühne zu stehen. Und doch passiert genau das immer wieder. Weil es in der Dynamik angelegt ist. Wer seinem Interesse konsequent folgt, wird gut.
Die grundlegenden primären Lebens-Dynamiken im System einer Person zu erkennen und sie ihr durch gemeinsame Reflexion wieder zur Verfügung zu stellen, ist für mich die hohe Kunst des Coachings. Es knüpft unmittelbar an die Lebensgeschichte der Menschen an und entwickelt sie weiter mit dem Ziel, sie runder und zufriedener zu machen. Möglichst viele seiner Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen macht menschliches Glück aus. Glückliche Mitarbeiter sind ein Gewinn für jedes Team in jeder Firma.