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Die Sängerin

Tauchen Sie mit mir ein in die folgende Geschichte:

Eine Mutter eines neunjährigen wohlbehüteten Mädchens sagte eines Abends zu Ihr: „Ich gehe heute Abend mit Papa ins Kino. Wir konnten keinen Babysitter für dich finden. Aber du bist auch schon alt genug, um ein paar Stunden alleine zu Hause zu bleiben.“ Dann gab es noch Abendbrot und danach zogen die Eltern ihre Wintermäntel an und zogen los.

Sie war allein im Haus. Die Lichter vorbeifahrender Autos warfen unheimliche Schatten durch die Schlitze der Jalousien. Der Wind strich ums Haus und sie vernahm merkwürdige Geräusche, je mehr sie darauf achtete. Sie flüchtete sich in ihr Bett, aber da wurde es nur noch schlimmer. Also stand sie wieder auf, machte im ganzen Haus das Licht an und setzte sich auf die Fensterbank im Erkerfenster des Wohnzimmers. Von hier aus konnte sie am besten schauen, wann ihre Eltern wieder nach Hause kamen. Irgendwann wurde ihr langweilig. Sie begann sich selber etwas vorzusingen. Sie sang alle Kinderlieder, die sie kannte. Und plötzlich bogen ihre Eltern um die Straßenecke und waren wieder da. Überglücklich fiel sie ihnen um den Hals.

In der darauf folgenden Woche meldete sie sich in der Kirche im Kinderchor an. Sie hatte einen riesigen Spaß beim Singen und es war ihr egal, was gesungen wurde. Auf dem Gymnasium trat sie als Frontsängerin einer Schülerband auf. Nach dem Abitur studierte sie klassischen Gesang. Danach bewarb sie sich mit 200 anderen Sängerinnen um eine feste Anstellung als Sopranistin an einem Opernhaus. Die Mitbewerberinnen waren teilweise schon berufserfahren mit schön ausgebildeten Stimmen. Aber sie ging vollkommen selbstbewusst in das mehrstufige Vorsingen und sie bekam diese Stelle.

Von da an ging es immer weiter bergauf bis an die großen Opernhäuser dieser Welt. Sie heiratete einen Lehrer und sie bekamen drei Kinder miteinander. Da ihr Mann durch die Schule den gleichen Rhythmus hatte wie die Kinder, kümmerte er sich hauptsächlich um die Kinder. Als ihre beiden Töchter zum ersten Mal ihre Menstruation bekamen, war sie als Mutter mal wieder auf Tournee und der Vater musste die Töchter an dieses Thema heranführen. Auch wenn sie Zuhause war, war ihr Tagesrhythmus ein deutlich anderer als der Rest der Familie. Inzwischen sind alle drei Kinder aus dem Haus und sie wundert sich, warum ihr Mann immer noch da ist.

In der Oper hat man sie in einem vertraulichen Gespräch dazu aufgefordert, in den Opernchor zu wechseln. Ihre Stimme trägt nicht mehr so gut, wie sie es für eine Solistin müsste. Außerdem gibt es keine Rollen mehr für sie. Als „Königin der Nacht“ sollte sie bis zum „hohen F“ singen und das schafft sie nicht mehr. 

Der vorgeschlagene Wechsel in den Opernchor war für sie ein Affront. Auch ein Wechsel an eine Musikschule, um dort kleinen Mädchen das Singen beizubringen, reizte sie als Aufgabe nicht. Sie fühlte sich beruflich in einer Sackgasse und suchte mich wegen eines Coachings auf.

Ich arbeitete mit ihr die Geschichte heraus, wie sie zum Singen gekommen ist. Es war eine Erfolgsgeschichte, die damit begann, dass sie mit Singen die bis dahin größte Angst in ihrem Leben besiegt hatte. Fortan trällerte sie nur noch und war stets vergnügt. Sie hatte einen magischen Trick gefunden, auf dem sie dann ihr weiteres Leben aufbaute. Dies war einerseits ihr Glück, andererseits ihre Fessel. Um diesen Bann zu brechen schlug ich ihr vor, den Faden dort wieder aufzunehmen, wo sie damals abgebogen war ins Singen. Sie sollte sich dem Alleinsein stellen.

Kurz darauf las sie eine Anzeige, in der für eine Reise in den Sinai geworben wurde. Unter anderem wurden darin zwei Übernachtungen allein in der Wüste angeboten. Sie buchte diese Reise und eines Abends stand ihre erste Übernachtung allein in der Wüste an. Ein Jeep brachte sie weit hinaus und weg von jeglicher Zivilisation. Der Fahrer gab ihre eine große Flasche mit Wasser, zwei Decken und eine lange Bohnenstange mit einem Wimpel daran. Die Stange sollte sie am Morgen aufstellen, damit er sie wiederfinden würde. Denn in dieser Wüste gab es tausende von Sandkuhlen und er wüsste sonst nicht, in welcher sie hockt.

Als der Fahrer wegfuhr, bekam sie Angst. Was ist, wenn Termiten ihr die Stange wegfraßen? Dann könnte sie die nicht mehr aufstellen. Der Fahrer würde keinen Wimpel am Horizont entdecken und sie nicht finden. Sie würde elendig in der Wüste umkommen. Wahrscheinlich verdursten, wenn der kleine Vorrat an Wasser zu Ende war. Also umklammerte sie die ganze Nacht diese Stange, hielt sie fest an sich gedrückt um sie vor den Termiten zu retten.

Am nächsten Morgen fand der Fahrer sie kurz nachdem die Sonne aufgegangen waren. Zwei Tage später stand erneut eine Übernachtung  in der Wüste für sie an. Wieder lag sie in einer Sandkuhle mit einer Flasche Wasser, zwei Decken und einer langen Holzstange mit Wimpel ausgerüstet. Dann dachte sie nach. Termiten leben in großen Gemeinschaften. Die suchen sich bestimmt nicht so eine karge Gegend aus, in der es für den Stamm nichts zu essen gibt. Sie legte die Stange beiseite und sah sich den unglaublichen Sternenhimmel an. Tausende von kleinen Punkten leuchteten zu ihr und machten ihr klar, was für ein kleines unbedeutendes Licht sie in der Welt war. Sie war nicht mehr als ein Sandkorn im Universum. Als sie dies verinnerlicht hatte, schlief sie selig ein.

Am nächsten Tag wusste sie, was sie beruflich machen wollte. Sie ließ den Flügel in ihrem Wohnzimmer noch mal stimmen. Sie sprach mit einer Pensionswirtin in ihrer Straße und traf mit ihr ein Arrangement. Fortan empfing sie Solisten und Solistinnen aus der Welt der Oper und studierte mit ihnen Arien ein. In der Pension waren sie unter einem unauffälligen Namen untergebracht und kamen an den Vor- und Nachmittagen zu ihr zum privaten Repetitorium.

Den Weg dazu freigemacht hat eine Rückführung zu der Stelle, an der sie damals abgebogen war. Sie hatte das Singen gewählt, um ihre Angst zu besiegen. Daraus wurde ein Erfolgsmodell mit einem durchaus erfolgreichen Leben als Sängerin. Aber es hatte auch seinen Preis, zum Beispiel im eingeschränkten Kontakt zu ihren Kindern. Sie konnte diesen Weg nicht aufgeben, eben weil er erfolgreich war. Es schien aus ihrer Sicht überhaupt keine Alternative zu geben. Erst als sie sich wieder ihrer ursprünglichen Angst gestellt hatte, der Angst vor dem Alleinsein, fand sie eine neue Lösung. Sie akzeptierte es so, wie es war. Als erwachsene lebenserfahrene Frau konnte sie dieses Problem anderes lösen als mit neun Jahren. So wurde der Weg für neue Lösungen frei, weil die alte Lösung nicht mehr zwanghaft notwendig war.

Seien Sie misstrauisch, wenn sie Erfolgsgeschichten lesen. Nur allzu oft sind sie gelungene Kompensationen. Erfolg verführt zudem. Ob er einen Menschen glücklich und „rund“ macht, steht auf einem anderen Blatt.